Vom Systemkritiker zum Mitmacher?

2. offener Brief an den Spiegel
vom 20.05.2007
an Manfred Dworschak
und Nachrichtlich an die Chefredaktion

Vom Systemkritiker zum Mitmacher? >>> [26 KB]

Sehr geehrter Herr Dworschak,

Dank für Ihre Antwort auf unseren offenen Brief vom 17. 5. an die Mail-Adressen von Dr. Kern und Prof. Richter. Wir haben sie zusammen mit unseren offenen Briefen auf unserer Homepage www.kompetenzinitiative.de zugänglich gemacht. In unserer Auseinandersetzung fehlten beiden Seiten zweifellos wichtige Informationen. Wir kannten die von Ihnen zitierte Äußerung noch nicht, mit der Prof. Lerchl Aussagen des Projektberichts Studies on the Effects of Radio-Frequency Fields on Conifers heute relativiert. Sie konnten nicht wissen, daß wir Herrn Lerchl gerade gefragt hatten, ob ein Zusammenhang zwischen solchen Relativierungen und der Tatsache besteht, dass er in universitären wie außeruniversitären Ärzteschulungen mit der Interessenvertretung der Mobilfunkindustrie (IZMF) zusammenarbeitet.

Das im Jahr 2000 abgeschlossene Fichten-Projekt war von uns als Beispiel staatlich geförderter Forschung gemeint. Der Hinweis darauf sagt nichts über Stand und Breite der aktuellen internationalen Forschung zur Schädigung von Pflanzen und Tieren aus. Jedenfalls sehen wir auch nach Ihren Erläuterungen keinen Grund, unsere Kritik zurückzunehmen oder auch nur einzuschränken.

Wir verstehen jeden Journalisten, der auf die kontroverse Forschungslage mit beidseitiger Skepsis reagiert. Die Pervertierung der kritischen Attitüde zur einseitigen Häme gegen Menschen, die nach dem Urteil zahlreicher industrieunabhängiger Forscher schwerwiegenden Schädigungen ausgesetzt sind, halten wir für eine menschliche und journalistische Entgleisung.

Unsere derzeitigen Auseinandersetzungen mit Ihnen und Prof. Lerchl konvergieren in Fragen des demokratischen und berufsethischen Selbstverständnisses. Wenn die Interessenvertretung der Mobilfunkindustrie (IZMF) Ärzteschulungen finanziert oder Schulen berät, so mischt sie sich in die Gestaltung des Verbraucherschutzes ein. Gerade im Falle einer noch kontroversen Risikobewertung scheint uns das mehr als fragwürdig. Das vor Jahrzehnten von der Tabakindustrie aufgelegte Projekt ‚Rauchen und Gesundheit’ konnte nach aktuellen Enthüllungen erhebliche Teile von Wissenschaft und Gesellschaft unterwandern. Hat die Mobilfunkindustrie bislang so viel an Selbstlosigkeit, Moral und demokratischer Kultur bewiesen, dass wir ihrem analogen Projekt ‚Mobilfunk und Gesundheit’ solche Bestrebungen gar nicht zutrauen müssen? Ist es mit einem intakten Berufsethos vereinbar, an solchen Projekten, die wir für sittenwidrig halten, mitzuwirken oder sie publizistisch zu unterstützen? Der Spiegel-Journalist früherer Jahrzehnte war unter den ersten, die solche systemkritische Fragen stellten. Hofft sein heutiger Nachfahre auf eine Karriere als Mitmacher?

Wir kennen inzwischen zahlreiche Journalisten, die problembewusst mit der heiklen Materie umgehen und Bürgerverständnis zeigen, ohne sich anzubiedern. Ihrem Journalismus scheint das Sensorium für beides abhanden gekommen zu sein.

Immerhin haben Sie maßgeblich zu unserem Beschluss beigetragen, das Thema ‚Mobilfunk und Medien’ auch weiterhin zu einem Projektbereich unserer Initiative zu machen. Schon diesen Herbst werden wir mit mehreren Referenten aktiv auch an einer Tagung zum Thema Instrumentalisierung und Korruption in Wissenschaft und Gesellschaft mitwirken. Dem heutigen Journalismus werden wir auch in diesem Kontext kritische Fragen nicht ersparen.

Mit besten Grüßen
im Namen der Kompetenzinitiative zum Schutz von Mensch, Umwelt und Demokratie


Prof. Dr. med. K. Hecht - Dr. med. M. Kern - Prof. Dr. K. Richter - Dr. med. H. Scheiner


Journalismus - im Dienst der Herrschenden
Wie unabhängig sind unsere Medien?