Wie unabhängig sind unsere Medien?
3. offener Brief an den Spiegel
vom 23. Mai 2007
an Manfred Dworschak
und Nachrichtlich an die Chefredaktion
Wie unabhängig sind unsere Medien? >>> [31 KB]
Sehr geehrter Herr Dworschak,
in einer dreizeiligen Email von heute schreiben Sie mir:
„Sie sollten mich, bevor Sie ein Schreiben von mir veröffentlichen, schon um Erlaubnis bitten. In diesem Fall erteile ich Sie Ihnen nachträglich und ungefragt. Aber bitte entfernen Sie meine Adresse und meine Telefonnummer.“
Adresse und Telefonnummer haben wir inzwischen wunschgemäß auf unserer Homepage entfernt. Doch die Frage der Veröffentlichung beurteilen wir anders:
1. Ihre Email war die Antwort auf einen offenen Brief und insofern ein Akt in einer auf Öffentlichkeit angelegten Kommunikation.
2. Sie selbst sind im Nutzen wie Weglassen Ihnen übergebener Informationen (da haben wir sehr genaue, sich ergänzende und deckende Aussagen der von Ihnen Traktierten), so großzügig, dass Sie diesbezüglich auch anderen keine zu ängstlichen Vorschriften machen sollten.
3. Das Anliegen, um das es geht, beansprucht öffentliches Interesse.
Genau deshalb werden wir die Auseinandersetzung um Quellen und gesellschaftliche Funktionen eines angeblich unabhängigen Journalismus auch über unsere Kontroverse und den Spiegel hinaus auf mehreren Wegen fortsetzen. Nicht aus Zorn gegen dieses oder jenes Blatt, sondern weil wir die vielfältigen Fehlleistungen zu Lasten demokratischer Kultur inzwischen für einen gesellschaftspolitischen Skandal halten.
Das Gespräch mit Ihnen setzen wir hier fort, indem wir Ihnen drei bei uns eingegangene Stellungnahmen weitergeben, die nacheinander die Frage der Quellen, der gesellschaftlichen Funktion und der Unabhängigkeit des von Ihnen gewählten journalistischen Weges beleuchten.
1. Wie informiert sind heutige Journalisten?
Was Sie alles an Ihnen vertrauensvoll übergebenen Gutachten und anderweitigen Informationen ignoriert haben, um die angestrebte Schwarz-weiß-Zeichnung nicht zu gefährden, wird auf anderem Wege geltend gemacht werden. Hier genüge zum einen die Bitte um eine Liste jener dokumentierten Schädigungen, die sich Ihnen, wie Sie uns schrieben, „in Luft aufgelöst“ hätten. Zeigen wollen wir Ihnen hier aber auch, dass es selbst in der Detailfrage des Fichten-Projekts anderweitige Quellen der Information gegeben hätte. So z. B. erinnert sich Prof. Dr. med. R. Frentzel-Beyme, der bekannte Bremer Epidemiologe und Umweltwissenschaftler, der – anders als sein von Ihnen zitierter Kollege Lerchl - verlässlich nicht mit der Mobilfunkindustrie zusammenarbeitet, wie folgt an frühere universitäre Präsentationen der Ergebnisse:
„Soweit ich die Darstellungen des Prof. A. Lerchl im UFT [Umweltforschungszentrum] der Uni Bremen mitbekommen habe, sind die Nadeln der Coniferensprösslinge nur noch seitlich gewachsen, nicht mehr senkrecht nach oben. Die senkrechten Nadeln hätten wie Antennen gewirkt und seien dadurch stärker geschädigt worden als die seitlich wachsenden, was ihr fehlendes Wachstum erkläre. Sie seien daher Indikatoren für eine deutliche Wirkung. Doch hat Herrn Lerchls Ehefrau das offenbar nicht veröffentlicht, was hamonisierende Neubewertungen erleichtert.“
2. Wem dienen sie?
Wie schnell sich der von uns diagnostizierte „Journalismus im Dienst der Herrschenden“ zu Lasten der Bürger bewahrheitet, zeigt sich schon jetzt, und wir werden auch das noch genauer verfolgen. Erste Berichte dazu haben uns u. a. von Dr. St. Spaarmann, Physiker aus Taucha bei Leipzig, erreicht. Voll Zorn beobachtet er, wie Ihr Geschreibe bis hinein in die Justiz sofort gegen betroffene Bürger instrumentalisiert wird. Er macht Ihnen aber auch ein weiteres Angebot, sich unbefangener zu informieren:
„Schlagen Sie Herrn Dworschak vor, mit dem Theoretisieren aufzuhören und laden Sie ihn herzlich ein, mal Urlaub im Kinderzimmer der Fam. Kind 0351-4121793 in Dresden-Naußlitz zu machen (dort wurden vom Gesundheitsamt alle anderen möglicherweise schädigenden Einflüsse ausgeschlossen), natürlich unter ärztlicher und messtechnischer Betreuung, damit ihm die so ungefährliche Strahlung nicht doch schadet.
Oder er begibt sich in ein Labor, wo er der gleichen Dosis UMTS + GSM ausgesetzt wird, bei der die Familie sensibilisiert wurde. Prof. Hecht wird sicher ein geeignetes Studiendesign vorschlagen können. Und aus dem Saulus wird vielleicht doch noch der Paulus Dworschak. Denn die Sensibilität verlässt ihn nicht mehr, und er hat sein ganzes Leben Freude daran.
Kindern wird das zugemutet. Warum also keine - wissenschaftlich begleiteten – Selbstversuche von Spiegel-Journalisten - als Beginn einer ehrlichen Serie.“
3. Wie ‚unabhängig’ sind unsere Medien?
Der Journalist K. Bergner schreibt nach der Lektüre unserer ersten beiden offenen Briefe an Sie ganz allgemein zur Situation des gegenwärtigen Journalismus:
„Wie Sie selbst feststellen, gibt es kaum noch 'investigativen Journalismus'. Das liegt nicht zuletzt an ökonomisch ausgerichteten Vorgaben. Im Fall des 'Spiegel'-Artikels genügt ein Blick auf die Werbekunden dieses Magazins: O2, e-plus, Telekom. Natürlich werden die Kollegen eine direkte Einflussnahme auf die Gestaltung redaktioneller Inhalte bestreiten. Aber so ist es im Journalismus: man behandelt ein bestimmtes Thema unter einem bestimmten Aspekt. Das beeinflusst schon die Auswahl der Ergebnisse einer Recherche. Dazu kommen die persönlichen Neigungen des Reporters und die des Schlussredakteurs. Insgesamt kommt das einer Selbstzensur nahe. Was von Zensoren zu halten ist, schrieb schon Heinrich Heine. Also könnte man wie in einer Gleichung den Begriff der 'Selbstzensur' durch 'selbstverordnete Dummheit' ersetzen, was aber zu hart ist, nennen wir es 'bewusstes Ausblenden'. Das ist gängige Praxis in einer Medienwelt, die bestimmt ist von mehreren Trends:
- Recherche ist nichts mehr wert, Ergebnisse müssen schnell angeliefert werden, also wird rasch bei Kollegen abgeschrieben.
- Gesprächswert geht vor Inhalt, 'Sensationen' werden von allen Medien, egal ob Print oder elektronisch, aufgegriffen, keiner traut sich auszuscheren, als Folge entsteht ein kleinster gemeinsamer Informationsnenner (auch 'Paris-Hilton-Substanz' genannt).
- Politik und Journalismus reichen sich die Hände, zelebrieren ihre mediale Macht; übereinander geschlagene schlanke Beine sind hier nur eines von vielen Zeichen des Selbstinszenierungsvirus, von dem Journalisten mehr und mehr befallen werden [...].
- Quote geht vor Qualität, weshalb sich auch in den Öffentlich-rechtlichen Medien wie ARD und ZDF kritische Themen zunehmend seltener unterbringen lassen."
Fazit:
Wir beobachten es an einer ganzen Reihe von Beispielen: Das jeweilige Werbevolumen bezahlen die Konzerne - die Einbußen an medialer Unabhängigkeit Bürger und Demokratie. Die in diesem Satz zusammengefasste Kritik richtet sich nicht primär gegen Sie und den Spiegel, sondern gegen allgemeiner beobachtbare Tendenzen des heutigen Medienwesens. Wir können und wollen die journalistischen Recherchen nicht ersetzen, die aus der Mode gekommen und vollends Tabu sind, wo Medien sie gegen sich selbst richten müssten. Noch weniger wollen wir uns aber mit der opportunistische und selbstgefälligen Nähe von Medien, Kapital und politischer Macht arrangieren, die sich überall breit gemacht hat.
Wir fänden es im übrigen gut, wenn Sie der grundsätzlich gemeinten Journalismus-Kritik nicht in privat gemeinte Emails ausweichen. Zu unseren Prinzipien gehört auch das Bekenntnis zu einer demokratischen Streitkultur, die gegensätzliche Ansichten als Aufforderung zum kritischen Dialog begreift, nicht zum machtbewußten Aussitzen und Überfahren der Widersprüche, das unsere politische Kultur bereits in ausreichendem Maße verunstaltet.
Mit freundlichen Grüßen im Namen der Kompetenzinitiative
Prof. Dr. Karl Richter
gemeinsam mit
Prof. Dr. med. K. Hecht - Dr. med. Markus Kern - Dr. med. H.-C. Scheiner